Dekadentes Artefakt* oder: Hagestolz, weiblich

Super-Omi

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Letzten Freitag war es dann soweit, ich durfte an der ersten Mitgliederjahreshauptversammlung teilnehmen. Jahrelang bin ich solchen Veranstaltugen erfolgreich ferngeblieben, das Geplänkel ist ja nun immer dasselbe, interessiert mich in der Regel wenig und der ganze Regularienschabernack wie Tagesordnung, Protkoll, Wahlen und Abstimmungen etc. treibt mich in den Irrsinn.
Nun hatte ich mich aber auf den weiten Weg in den verschneiten Berliner Süden gemacht, es mir mit einem großen alkoholfreien Getränk in vorderster Reihe (Hinterbänklerdasein ist halt auch nichts für mich) bequem gemacht und hatte als direkte Sitznachbarin das älteste Mitglied. Sie stellte sich mir als M. vor. Großes Kino! Die Dame ist 95 (!) Jahre alt, sehr fidel, jedoch nicht mehr so stabil auf den Beinen, deshalb war sie mit Stock u. kleinem Gehwagen unterwegs. Sie saß links von mir, hörte jedoch nur noch auf dem linken, mit einem Hörgerät verstärktem Ohr einigermaßen und so drehte sie mir dieses im Laufe der Veranstaltung immer wieder zu, damit ich ihr das ein oder andere zurufen konnte.
Nachdem sie von (beinahe) allen anwesenden anderen Damen freudig begrüßt wurde, ging es dann auch mit der Sitzung los. Der Großteil der Sprecherinnen war (selbst für mich Discogeschädigte) nicht so gut zu verstehen, also warf mir die alte Dame immer mal wieder fragende Blicke zu und zuckte mit den Schultern. Als dann die 1. Vorsitzende den nicht unbedingt kurzen Jahresbericht vorlas, drehte sich M. ein weiteres Mal zu mir um und rief: "Macht die nicht bald Schluß?" Ich guckte sie verlegen an, denn durch ihre Schwerhörigkeit war diese Frage keineswegs geflüstert. Dementsprechend laut mußte ich in ihr linkes Ohr antworten, daß das Ganze bestimmt noch ein Weilchen dauern würde.  Ihre Antwort war umgehend: "Scheiße, wenn man hier so sitzt und nix hören kann." Bei dem wirklich langatmigen Vortrag wiederholte sich das Ganze zwei-, dreimal.  Wirklich eine blöde Situation für sie, das verurteilt einen wirklich zur Teilnahmslosigkeit. Ich fand sie auf jeden Fall sehr sympathisch, weil sie mit ihrer Lage doch sehr souverän u. schlagfertig umging. Als sie dann ungefähr nach der Hälfte und gefühlten drei Stunden meinte, daß sie doch jetzt endlich mal eine Zigarette rauchen wolle, fiel ich dann doch beinahe vom Stuhl. Sie packte dann auch ihren Stock und ging für einige Zeit in den Nebenraum, um sich dort eine anzustecken. Als sie dann wiederkam, ließ sie noch die ganzen Abstimmungen über sich ergehen, hob artig den Arm, als alle den Arm hoben und ließ sich von mir immer kurz erklären, für welches Amt jetzt gerade abgestimmt würde und schüttelte immer wieder unwillig den Kopf: "Was kommt den jetzt noch?". Als sich dann die 1. Vorsitzende für unsere Aufmerksamkeit bedankte, hob M. ihr Weinglas und meinte freudestrahlend: "Prost auf das Ende!". Als der Saal dann wegen irgendetwas applaudierte, sagte sie nur kurz: "Wir klatschen, weil's zuende ist." Sie stand dann auch auf, um sich von mir zu verabschieden und um noch mit ein paar Bekannten zu plaudern. Davor ließ sie sich aber noch meinen Namen auf die Tagesordnung schreiben, "weil ich doch immer alles vergesse und mir auch keine Gesichter merken kann." Die Geschichte, daß sie einmal (vor vierzig Jahren) ihren Sohn bei einer Verabredunge nicht bemerkt hatte, weil er wegen eines gemeinsamen Banktermins einen Anzug trug, hatte sie mir schon erzählt, nachdem wir uns einander vorgestellt hatten.
Somit war's ein nicht uninteressanter Abend, der wirklich schlimmer hätte sein können. Spätestens beim Sommerfest, sollte ich M. mal wiedertreffen. Nicht unwahrscheinlich, denn die Mitglieder, denen die Gedenkansprache zu Beginn der Versammlung galt u. die im letzten Jahr "von uns gegangen sind" waren 91, 91 und 97 Jahre alt.

Gernot Rönz am 16. März 2006 um 01:25
Sgernot liest eifrig alles was das Sjule so schreibt, womit meine Herkunft schon geklärt wäre. sleben ist in Berlin deutlich interessanter als mit Grünen in einer südlich liegenderen Kleinstadt.

   

www.polypolitics.de am 18. März 2006 um 17:13
hallo herr r. aus k.! das ist aber mal schön sie hier zu sehen.
um das leben hier interessant werden zu lassen, muß man sich hier aber auch manchmal ordentlich anstrengen. oder zumindest vor die tür gehen. aber das mag ich ja bekanntermaßen gar nicht so gerne...

   

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