Es ging zusammen mit den Mädels in den Schokoladen, da
spielte eine Band, deren Bassist der Quasi-Kollege der einen Freundin ist. Ich
war mit dem Roller unterwegs, den ich lange zwei Wochen entbehrt hatte und nun
an diesem warmen Tag jeden Meter mit ihm zurückgelegt hatte, warum also nicht
auch noch abends? Bier schmeckt zur Zeit sowieso nicht. Ich parkte also auf der
Straßenseite gegenüber, schön im hellen Licht eines Drogeriemarktes. Da ich ja
so viel Angst um das Ding habe und mir der Laden aus England die Email
schickte, daß sie das tolle Schloß gerade nicht auf Lager haben und ich es in
4-6 Wochen noch einmal versuchen sollte. Da ich unter dem Sitz und in der
Klappe unter dem Lenker so unglaublich viel Stauraum habe und erwatungsgemäßer
Temperaturen über 30 Grad im Etablissement gegenüber, ließ ich meine Jacke und
meinen Schal dort, um das Zeug nicht die ganze Zeit mit mir herumtragen zu
müssen. Den ersten Künstler des Abends ließen wir aus und saßen draußen rum, um
von einem der ersten warmen Abende des Jahres bloß nichts zu verpassen. Dann
schauten wir uns die Band an, deretwegen wir gekommen waren, die konnte mich
aber leider gar nicht begeistern. Nach dem Auftritt saßen wir noch ein bißchen
rum und waren freudig überrascht, daß noch eine Sängerin auftrat, die mit
lauter Akustikgitarre und kräftiger Stimme schöne Lieder sang und sich vom
Publikum Geschichten über Leute in Beziehungen erbat, die schon fast am Ende
sind und sich nur noch so dahinschleppen, weil sich daraus so schöne Lieder
machen ließen. Während der netten Musik guckte ich versonnen in der Gegend
herum und war plötzlich erstaunt ob des bekannten Gesichts am Eingang.
Exkurs: Meine beste Freundin und ich haben früher mal
gerudert. Also ich habe gerudert u. sie gesteuert, insgesamt waren wir zu fünft
im Boot. Hier soll es aber nur um sie und mich gehen. Gerne sind wir auf die
Schülerregatten im Herbst (wir waren damals 14 Jahre alt) nach Hannover
gefahren. Wir haben dort immer gewonnen und in der freien Zeit konnte man toll
zwischen den Stegen rumhängen und Traubenzucker-Täfelchen essen, die in
übertriebener Menge keineswegs mehr fit machten, sondern nur noch schläfrig. Im
besten Fall war im benachbarten Niedersachsenstadion noch
Fußball-Europameisterschaft oder Michael Jackson spielte auf und es war richtig
was los an der Leine. Anläßlich einer solchen Regatta sind wir 1989 dem O.
begegnet. Wir waren 14 und er ein, zwei Jahre älter. Rein outfittechnisch
passten die wilden Mädels aus der nordhessischen Beinahe-Provinz zu dem Typen
aus Berlin, er u.a. mit ebenfalls abstehenden Haaren. Wir lungerten also
gemeinsam zwischen den Hängern und Booten herum, ärgerten uns darüber, dass
unsere Gruppe am Abend nichts mit den Berlinern unternehmen wollte und ertrügen
die Lästereien der anderen Mädels, die ja doch nur neidisch waren. So ein Ruderwochenende
ist kurz und so ging es am Sonntagnachmittag zurück in die Heimat. Vorher
tauschten die beste Freundin und der Berliner Jung' noch Adressen und das
Versprechen des gegenseitigen Briefeschreibens aus. Die beiden hielten
regelmäßigen Kontakt, was vor allem daran lag, das meine Freundin etwas
engagierter schrieb. Da wir später unbedingt einmal nach Berlin ziehen wollten,
konnte so ein Kontakt ja nicht schaden. Als der O. im nächsten Sommer ein
Trainigslager in der Nähe unserer Heimatstatt hatte, besuchte er uns einen
Nachmittag und wir hatten jede Menge Spaß ihm in unserer kleinen Fußgängerzone
unsere Lieblingsplätze zu zeigen, an denen wir zunehmend unsere Nachmittage mit
den dort ansässigen schrägen Vögeln verbrachten. Über die Jahre hinweg brach
der Kontakt nach Berlin nie wirklich ab. Gegenseitige Besuche folgten, die Abstände
wurden jedoch immer größer. Der O. zog in Berlin immer mal wieder um und verlor
dann scheinbar jedes Mal die Adresse (jedoch insgeheim nicht das Interesse an)
meiner Freundin. Wir dachten in regelmäßigen Abständen immer mal wieder, was
denn O. wohl gerade so mache und meine Freundin rief dann nach längeren Zeiten
der Funkstille oft seinen Vater an und ließ sich seine neue Telefonnummer geben.
Der letzte Besuch von O. bei meiner Freundin nahm dann ein eher schräges Ende.
Es hat zwischen den beiden immer mal wieder gefunkt, aber so richtig bestimmt
füreinander schienen sie dann doch nicht zu sein. Kurz vor diesem letzten
Besuch hatte sich die Freundin frisch in einen anderen jungen Mann verliebt.
Der Besuch des O. war da eher ungünstig und es gab wohl dramatische Szenen
zwischen den beiden. Das gipfelte in der überstürzten Abreise von O. Die
erstaunt zurückbleibenden Freunde von uns, die den O. mittlerweile auch alle
kennengelernt hatten u. ihn alle gerne mochten, konnten diese Reaktion nicht so
recht verstehen. Ich, und ich glaube auch meine Freundin, haben dann nichts
mehr von O. gehört. Sieben oder acht Jahre ist das jetzt her. Aber immer mal
wieder kamen wir auf ihn zu sprechen, so dann auch, als ich 2002 nach Berlin
zog. Etwas später, als mit 14 Jahren geplant, aber besser als nie. Und ohne
meine beste Freundin.
Und dann treffe ich den O. nach dieser langen Zeit doch
hier tatsächlich wieder. Und spreche diesen blöden Satz, der einen echt auf die
Couch bringen kann. "Bist du der O.? Ich bin die Sjule, die Freundin von
der B." Ich dachte eigentlich, ich müsste das nicht mehr bringen, aber das
ist jetzt eine andere Geschichte. Und dann sitzen wir wie selbstverständlich
auf der Ackerstraße, weil die Welt ist schließlich ein Dorf und Berlin sowieso.
Reden über das Rudern, zu kleine Wohnungen mit Partnern drin und Handwerk. Ich
werde ihm dann demnächst mal die Kontaktdaten der Freundin zufunken, ich höre
selbst kaum noch von ihr. Wie das oft so ist.
Als ich dann etwas später wieder auf meinen Roller steige,
sehe ich, daß mein Taschentelefon die ganze Zeit auf meinem Gepäckträger lag.
Das hatte ich aus der Jacke genommen, weil man die nur über den Kopf ausziehen
kann und dann immer alle Sachen aus der Brusttasche fallen. Das lag da also
komplette dreieinhalb Stunden im hellen Licht des Drogeriemarktes. Toll, die
Ackerstraße ist ein wahrlich sicherer Ort, wenn man ein kleines, altes, hässliches
Siemens S35 ist.